zur Startseite

Druckausgabe von https://privat.albicker.org
Iveco Daily 4x4, Hunde und multithematisches Blog

20 Jahre sozialer Abstieg des 'Otto Normalverbraucher'

veröffentlicht am 15.12.2019 mit 521 Worten - Lesezeit: 3 Minute(n) in * GEBRABBEL *

Friedrich Merz (CDU) also zählt sich bekanntlich völlig realitätsfremd zur Mittelschicht - wenn man sich mit der Materie befaßt, kommt man schnell in einen Djungel von Defintionen darüber, was nun wirklich Mittelschicht ist. Zumindest scheint er, schon bevor er nach Jahren der Abstinenz wieder ein Amt inne hat, für seinen Brötchengeber zu lobbyieren

Gut dazu paßt die Ernennung von Jörg Kukies von Goldman-Sachs zum Staatssekretär, auch er ist wohl dazu ernannt worden, um Politik für die Mittelschicht zu machen.
Ein Ergebnis einer solchen Politik kritisiert Hermann-Josef Tenhagen von Finanztip in einem offenen Brief an Olaf Scholz zu dessen Plänen einer sog. Finanztransaktionssteuer, die nicht etwa die Zocker, sondern die langfristigen Anleger belastet - also diejenigen, die versuchen, durch Anlagen aus ihrem Einkommen der politisch gewollten Zerstörung der gesetzlichen Rentenversicherung etwas entgegenzusetzen.

Mittelschicht oder Otto Normalverbraucher?

Einkommen oder Vermögen, Mittelwerte oder Medianwerte - was ist jetzt die Mittelschicht? Nun, der Definitionen gibt es viele, und jede läßt sich in irgendeiner Form rechtfertigen (oder auch nicht).

Nachdem die “oberen Zehntausend” sich aber erwiesenermaßen immer mehr von den “Normalsterblichen” absetzen, werde ich mich hier mit den “Normalos” beschäftigen. Das sind für die Betrachtung hier diejenigen, deren Einkommen unterhalb der Beitragsbemessungsgrenze für die gesetzliche Rentenversicherung liegen, diese liegt derzeit bei 6.700 EUR/Monat.

Als Referenz dient mir hier das Normalarbeitsverhältnis, wie es Prof. Dr. Heinz-Josef Bontrup beschreibt:

  • unbefristet
  • sozialversicherungspflichtig
  • tariflich geregelt
  • mitbestimmt

Konkret nehme ich hier einen eingearbeiteten Facharbeiter in der Metall-/Elektroindustrie an, der 20 Jahre “einfach seinen Job macht” - keine großartige Karriere, sondern eine normale berufliche Weiterentwicklung durch stetige Anpassung an den technologischen Wandel am angestammten Arbeitsplatz. Dessen Einkommensentwicklung in einer gleichbleibenden tariflichen Eingruppierung wird durch die rote Kurve dargestellt.

Als Vergleichswert dient der Durchschnittswert aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland. Dieser Wert wird jährlich festgelegt, der letzte endgültige Wert liegt für 2016 vor.
Diese Durchschnitts-Einkommensentwicklung wird durch die grüne Kurve dargestellt.

Statistik der Einkommensentwicklung 1996 - 2016

Im betrachteten Zeitraum haben sich die Einkommensentwicklung der Tarifmitarbeiter und der Durchschnittsbeschäftigten um 22 Prozentpunkte auseinanderentwickelt. Teilzeit- und befristete Beschäftigung, Leiharbeit und Verlust der Tarifbindung in vielen Bereichen und freier Fall der Arbeitsbedingungen infolge der Hartz-Reformen ab 2003 zeigen sich schön im sehr flachen Verlauf der grünen Kurve der Durchschnittseinkommen der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten bis 2010 mit zunehmendem Abstand zur roten Kurve der Tarifbeschäftigten.

Deutlich zu erkennen ist die Phase der Lohnzurückhaltung in den Jahren 2007 bis 2011 im Zusammenhang mit der Bankenkrise bei den Tarifeinkommen.

Seit dem 1. Januar 2015 gilt nun der Mindestlohn in Deutschland, ob er eine weitere Auseinanderentwicklung stabil verhindern kann, das wird die Zukunft zeigen.

Klassenkampf?

Einst hieß die Losung der Arbeiterklasse:

Proletarier aller Länder, vereinigt Euch

Marx/Engels, Manifest der kommunistischen Partei, 1848.
Die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen aber deutlich, daß auch heute der einzelne Arbeitnehmer gegen in Verbänden und auch informell, aber in jedem Fall mit schlagkräftiger Lobby ausgestatteten Arbeitgeber, keine Chance hat.
Hier auch dazu ein lesenswerter Beitrag. Und das gilt auch für viele der Jobs für gut ausgebildete Angestellte:

Unter den aktuellen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen kann man das befristete vom unbefristeten Angestelltenverhältnis unterscheiden. Dabei enthält das befristete “alle Nachteile eines Angestellten, ohne dessen Vorteile zu besitzen”. Von Hartz IV sind momentan allerdings beide bedroht.

 

weitere Artikel